Archiv für den Monat Juni 2009

Der Mond ist aufgegangen…

Ich denke Sie kennen das Lied. Zumindest die erste Strophe vom «weissen Nebel wunderbar» vielleicht als Schlaflied für sich oder ihre Kinder.Der Text von Matthias Claudius birgt aber trotz einer teilweisen sprachlichen Verstaubtheit einige Schätze in den insgesamt sieben (7!) Strophen, die der Text umfasst.

Zwei Beispiele möchte ich hervorheben:

Mir gefällt die Aufforderung in der zweiten Strophe, die Nacht zu nutzen, um «des Tages Jammer» zu «verschlafen und vergessen»:

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämm‘rung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Das Wort «verschlafen» in dieser Bedeutung war für mich eine wunderbare (Wieder-)Entdeckung dessen, was Schlaf und Träume für die Verarbeitung der unzähligen alltäglichen Eindrücke bedeuten. Ich verstehe das auch als Plädoyer für Pausen und Nachtruhe.

In der dritten Strophe dient der Mond als Sinnbild für die Grenzen unserer Wahrnehmung:

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
weil unsere Augen sie nicht sehn.

In diesen Worten steckt für mich die Aufforderung drin, in meinem Gegenüber immer auch den «runden und schönen» Menschen zu sehen, gerade wenn ich im Moment mit meiner aktuellen Wahrnehmung vielleicht nur eine kleine schmale Sichel beleuchte. Ich bin herausgefordert, die Beschränktheit meiner Wahrnehmung einzugestehen.

Manchmal bin ich da ehrlich gesagt auch froh drum, wenn ich mich selbst in einem inneren Spiegel betrachte…

Link zum ganzen Text: Abendlied auf Wikipedia

Pfarreiblatt Zug Kolumne 09-27